Brexit, wenn die Vergangenheit die Zukunft beraubt!

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Böse Aussichten für eine europäische Zukunft:

Tag 3 nach dem Referendum. Tag 3 nachdem unsere Welt völlig anders erscheint. Tag 3 und immer noch wache ich morgens auf und denke, ich habe schlecht geträumt, nur um mit einem unglaublichen Gefühl von Unwohlsein im Magen festzustellen, es war alles kein Traum. Es ist tatsächlich Wirklichkeit. Die Brieten haben sich aus der EU gewählt! Nein, es hätte wirklich keiner erwartet, aber es ist passiert. Das machtpolitische Spielchen des Premierministers David Cameron, Großbritanniens Zukunft gegen seine ganz persönlichen politischen Ambitionen, hat sich als Boomerang erwiesen, groß genug um Großbritannien direkt aus der Europäischen Union zu katapultieren.

Gefühlte 10 Minuten nach der Verkündung der Entscheidung des britischen Volkes, die EU zu verlassen, raste das Britische Pfund auf seinen tiefsten Stand seit über 30 Jahren, die Finanzmärkte befanden sich im freien Fall, Schottland sprach ganz laut und öffentlich über die Möglichkeit eines Austrittes aus dem UK um in der EU zu bleiben, David Cameron kündigte seinen Rücktritt als Premierminister für Oktober an, Frankreich debattierte schon über die Neuverhandlungen des „Treaty of Le Touquet“, in dem die Sicherung der Französisch-Englischen Grenze zwischen Calais und Dover geregelt ist und der lauteste Schreihals der Leave Fraktion, Nigel Faraga erklärte im öffentlichen Fernsehen eines der populärsten Propagandamittel des Wahlkampfes, das Versprechen 350 Millionen Pfund in der Woche die bisher nach Brüssel gingen 1 zu 1 in das britische Gesundheitssystem zu stecken, als null und nichtig… Ja, als glatte Wahlkampflüge!

Und das alles passierte nur in den ersten 2 Stunden nach dem vermeintlichen Brexit! Was in den letzten 2 Tagen folgte wurde nur immer schlimmer. Die negativen Folgen dieser Entscheidung für Großbritannien aber auch für ganz Europa sind in ihrem vollen Ausmaße noch gar nicht ersichtlich. Eins ist aber jetzt schon klar, die Wähler in Großbritannien sind von populistisch Lügen, Angst und Schrecken verbreitenden Nationalisten aufgehetzt und falsch informiert und instrumentalisiert worden, um deren eigene, ganz persönliche Ziele zu verfolgen.

Das wird ganz besonders deutlich, wenn man das offizielle Pressestatement von Boris Johnson und Michael Gove vom Freitag Morgen anschaut. Da erscheinen zwei heruntergerissene Figuren mit unendlicher Erschöpfung in den Gesichtern, ja wenn nicht sogar Entsetzen, aber was auch immer in diesen Gesichtern steht, es ist nicht Freude oder Euphorie über einen gewonnenen Wahlkampf! Es scheint eher die erschreckte Feststellung dessen, was man da angerichtet hat. Es ist offensichtlich, auch diese beiden haben nie damit gerechnet, das die Briten tatsächlich für den Brexit stimmen.

Dass Herr Farage sich dann auch noch hinstellt, und behauptet dies sei eine Errungenschaft und man könne stolz darauf sein, dass das Ganze abgelaufen sei, ohne dass ein einziger Schuss fiel, kann ich nur noch ungläubig und fremdschämend mir an den Kopf fassen und mir vorstellen, was wohl der arme trauernde Ehemann von Yo Cox, der letzte Woche auf offener Straße erschossenen liberalen Labour Politikerin, mit seinen beiden Kindern zu so einem Statement denkt.

Je mehr Zeit vergeht, seit dem die Bevölkerung des Unitend Kingdom sich zum Großteil für den Austritt aus der EU entschieden hat, um so größer erscheint die Katerstimmung unter eben dieser Bevölkerung. Es waren vor allem die älteren, und schichten mit geringerem Einkommen, die für Leave gestimmt haben. Aus Angst vor zu viel Einwanderung, vor zu großem Einfluss von Außen, vor zu viel Veränderung, einfach aus Angst, und Frust, und Engstirnigkeit. Denn mal ehrlich, wie wichtig ist einem Leave Wähler heute eigentlich noch die Einwanderung, wo sein Pensionstopf quasi über Nacht 10% an Wert verloren hat? Das hätte man ihnen ja vorher auch mal sagen können? Hat man, nur wurden diese Warnungen von den so verhassten „Experts“ als wiederum Angstmache der Stay Fraktion gedeutet. Es war keine Angstmache. Und es wird noch viel schlimmer kommen. Denn wenn die Briten tatsächlich das bekommen, was sie im Wahlkampf gefordert haben, nämlich ihr „Country Back“ (Land zurück), dann ist dieses erstens ein Land, dass nur die hälfte aller Briten wollen und zweitens eines, geprägt von Fremden- und Minderheitenfeindlichkeit, nationalistischer und zurückgewandter Engstirnigkeit, ein Land, dass mehr der Vergangenheit, als der Zukunft zugewandt ist.

Warum die Jugend STAY wählt.

Ich habe viele Freunde die in in Großbritannien leben und auch einige von dort die hier in Deutschland oder sonst wo auf der Welt sind. Ich bin 35 Jahre alt und mit Englisch als zweiter Sprache seit dem ich 10 Jahre bin aufgewachsen. War in Kanada in der Schule, in Frankreich und Spanien als Studentin, habe seit ich denken kann an keiner europäischen Grenze mehr angestanden, in einem Unternehmen gearbeitet mit Büros in London, Madrid, Paris und New York und das geht dem Großteil meiner Freunde ganz ähnlich. Nicht zu sprechen von der uns nachfolgenden Generation, die neben Englisch und Spanisch mittlerweile sogar Programmiersprachen lernt. Wir Kinder Europas fühlen uns zuhause in Berlin, London, Madrid und Paris. Wir sind Europäer und zumindest ich fühle mich auch als solche wenn ich in Asien oder Amerika bin und dort mit Menschen rede. Und alle beneiden uns darum. Um die kulturelle Vielfalt, um die Nähe zu den anderen Nationen, um unser Zusammengehörigkeitsgefühl. Soll heißen, die Zukunft ist eh international, egal was all jene, den alten Zeiten nachtrauernden, verängstigten und verbitterten Menschen wählen. Nur leider haben sie ihrer Jugend jetzt gerade einige Steine in den Weg gelegt und ganz sicher einige Chancen gestohlen. Junge Menschen haben zum aller größten Teil Stay gewählt weil sie nämlich wissen, wie wichtig eine Gemeinschaft der europäischen Staaten in einer modernen Welt ist. In einer globalisierten Welt mit 1.2 Milliarden Chinesen, 1 Milliarde Indern, 500 Millionen Lateinamerikanern. Europa heißt in diesem Zusammenhang, dass viele kleine Staaten versuchen eine gemeinsame Struktur für die Zukunft zu bilden um sich irgendwie, gegen diese massiven und aufstrebenden Kolosse aus dem Osten und Westen, ein bisschen Wohlstand und Einfluss zu erhalten.

Altersverteilung Brexit WahlUnser Wohlstand, und ganz besonders der Großbritanniens, ist seit der Zeit der Kolonialisierung, und bis heute aufgebaut auf dem Ausbeuten der Produktivität der Schwächeren. Damals der Kolonien heute unser eigener Arbeiterschicht, was aber auch nur deshalb möglich ist, weil diese von der Produktivität der Bangladeshis, Inder, Chinesen etc. leben können. Aber diese Staaten, von denen wir alle profitiert und bisher gelebt haben, nutzen ihre Produktivität und Ressourcen mittlerweile für sich selber, und das absolut zurecht!

Der Wohlstand der Welt wird sich umschichten und das ist auch nur Fair nach vielen hundert Jahren der Ausnutzung durch die westliche Welt. Jetzt kommt die Zeit dieser Länder, sie werden Ihren Wohlstand steigern während wir einen Großteil davon einbüßen, und dagegen kann man absolut gar nichts tun! 30 Millionen Menschen in Afrika haben Smartphones in Ihren Händen über die sie sehen können, in welchem Wohlstand wir hier leben. Sie werden unsere Grenzen stürmen ganz egal ob wir in der EU sind oder nicht. Ja auch die britischen, und das kann kein Faraj, Johnson, Trump, Seehofer und auch keine Le Penn verhindern. Diese Welt ist einfach nicht mehr wie sie einmal war. Das weiß jeder 15 – 40 Jährige, nur leider die Generation 65+ in Großbritannien, ihrem Wahlergebnis nach zu urteilen, weiß das nicht und hätte bitte gerne die alte Weltordnung zurück. Am besten die vom Commonwealth! „We want our Country Back“ (wir wollen unser Land zurück) ist genau so ein populistischer Schwachsinnsausruf wie das amerikanische Pendant „Make Amerika Great Again“ (Amerika wieder groß machen). Egal was diese Populisten versprechen, sie können es doch niemals einhalten. Die Welt ist nicht mehr wie sie damals war. Die Musik spielt heute in Asien. Dort ist der Fortschritt, es ist für uns teuer dorthin zu reisen, nicht anders herum. Die „guten alten Zeiten“ sind weg aber sollten wir nicht gerade deshalb versuchen zusammenzuhalten und ein modernes, vorwärtsgerichtetes Europa zu werden um so viel Wohlstand und Einfluss zu erhalten, wie es uns überhaupt möglich ist?

Warum überhaupt ein Referendum?

Und das ist das tragischste an dieser ganzen Entwicklung in den letzten Tagen, dieses Referendum wurde überhaupt nur möglich, weil eine einzige Person seine politische Macht auf keinen Fall aufgeben oder einbüßen wollte. Cameron hatte in seiner tief gespaltenen konservativen Fraktion es nicht geschafft, auch den rechten Aussenflügel an sich zu binden und versuchte daher, zu Wiederwahlzwecken, die EU zu erpressen. „Entweder Ihr macht noch mehr Ausnahmen für Großbritannien, oder ich lasse mein Folk über einen Verbleib in Eurem Verein abstimmen“ – so in etwa die Aussage an das EU Parlament. Großbritannien hat eh schon so viele Extrawürste in den letzten 40 Jahren seit seinem Eintritt in die EU bekommen, dass man dieses Mal tatsächlich nicht der Erpressung nachgab, und da war es das Referendum! Und mit ihm tauchten auf einmal noch weiter, rein an ihre eigene Machtposition denkende Herren auf. Mr. Boris Johnson z. B., ehemaliger Bürgermeister von London (der wahrscheinlich internationalsten und weltgewandtesten Stadt Europas), dessen einziges Ziel in seiner Leave Kampagne war, David Cameron irgendwann einmal als Premierminister zu beerben. Aber wie wir am Freitag Morgen deutlich sehen konnten, doch bitte nicht als Premierminister eines EU Austrittslandes! Wer hätte denn bitte gedacht, dass die Leave Fraktion wirklich gewinnt? Weder Cameron, noch Johnson offensichtlich! Sie haben uns allen dieses Desaster eingebrockt und nun sind sie selber völlig hilflos…

Warum über 17 Millionen Brieten für den Brexit stimmten:

Erstens natürlich wegen den haarsträubenden Lügenmärchen, die von der Leave Kampagne im Wahlkampf verbreitet worden sind und den Menschen glauben machten, ihnen wieder Stolz, Souveränität, ein besseres Gesundheitssystem und im Endeffekt mehr Wohlstand garantieren zu können, sollten man die EU verlassen.
Aber vor allem glaube ich, dies war nicht nur eine Wahl gegen Europa, sondern viel mehr eine Wahl gegen die politischen Eliten des Landes. Ein Protest gegen das politische Establishment. Jede einzelne der politischen Parteien hat für einen Verbleib in der EU aufgerufen – die Briten stimmten aber zum großen Teil für Leave, auch wenn es viele heute bereuen. Es scheint als hätte keiner an einen tatsächlichen Austritt geglaubt. Ich behaupte mal, viele wussten gar nicht was sie da eigentlich wählen, wollten einfach dagegen sein. Gegen die politische Klasse, gegen Westminster, gegen die Rezession und gegen Cameron. Vor allem alte, arbeitslose und Menschen vom Land haben gegen den Verbleib in der EU gestimmt. Ein 90 Jahre alter Mensch hat also hier das Recht über die Zukunft eines 17 Jahre alten Menschen abzustimmen, ohne dass dieser eine Stimme gehabt hätte?!?

Wir, die wir schon unser ganzes Leben mit einem vereinigten Europa aufgewachsen sind, für die Grenzen auf dem Land aber auch in den Köpfen zur Vergangenheit gehören, uns allen in Europa wurde von einer alten und engstirnigen Generation, sowie von machtbesessenen egoistischen Politikern vorgegeben, wie unsere Zukunft auszusehen hat. Findet den Fehler!

Das einzig positive (wenn überhaupt) das es an dieser Situation geben könnte wäre, dass sich die anderen europäischen Staaten nicht dem Beispiel Großbritanniens anschließen und endlich wieder zur Vernunft kommen und sehen, dass wir in unserer globalisierten Welt, mit einem riesigen asiatischen Kontinent im steilen Aufstieg überhaupt nur eine Chance haben, wenn wir zusammen halten. Zusammen sind wir stark, das lernt schon jedes Kleinkind, nur eben der Ein oder Andere ältere Mensch auf dem Land bzw. derjenige, dem es eh schon so schlecht geht, dass er alles tut, um gehört zu werden, der hat das offensichtlich vergessen. Es ist eine ganz schreckliche Zeit für die EU aber eben besonders für junge Menschen, die auf hinterlistige Weise, wegen der Machtbesessenheit einiger weniger, um unzählige Ihrer Zukunftschancen gebracht worden sind.

Ich bin Europäerin, und auch ich habe meine Kritikpunkte an der momentanen Arbeit des EU-Parlaments aber ganz generell glaube ich, ein vereintes Europa ist unsere einzige Chance in der Zukunft noch überhaupt eine Rolle zu spielen. Aufgabe unserer Politiker sollte es sein, genau diese unweigerlich auf uns zukommenden Zukunftsszenarien auch der älteren Generation und den unzufriedenen, unter der globalen Rezession leidenden, Menschen zu erklären. So, dass sie diese auch verstehen. Aber vor allem endlich die eignen machtpolitischen Ziele hinter diejenigen, der kommenden Generationen zu stellen. „Die Kinder sind unsere Zukunft“ wird von Politikern gerne mal geschrien – Recht habt Ihr, nur dann verhaltet Euch auch endlich verantwortungsvoll!

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